Vorwort zum Katalog zur Jahresausstellung 2021
Achim Schmacks Schafft Landschaft
(Sonderausstellung: 100 Jahre Joseph Beuys)

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Schafft Landschaft“ ist der Titel einer Ausstellung von Achim Schmacks und gleichzeitig der Titel des Buchprojekts, das im Rahmen eines Stipendiums des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen entstanden ist und Bezug nimmt auf eine Zeit, die vielen in Erinnerung bleiben wird.
Denn 2021 wird nicht nur als das zweite Jahr der Corona-Pandemie in die Geschichte eingehen – ein Jahr, das gerade für Kunst und Kultur nicht nur Herausforderungen bedeutete, sondern auch, sagen wir es deutlich, finanzielle Hürden bereitstellte. Ein Jahr, das alles veränderte. Denn sah man als Kunstschaffender im ersten Pandemiejahr noch Hoffnung, so offenbart das zweite Jahr die hoffnungslose Erkenntnis, was den Menschen wirklich wichtig ist. Kunst und Kultur sind es nicht – das mag für so manchen Künstler entmutigend sein. Denn wurde nicht über Jahrhunderte postuliert, dass kulturelle Güter das sind, was den Einzelnen überlebt, das, was bleibt und was man noch nach Jahrtausenden in Museen bewundern kann? Der Menschen als ein kulturelles Geschöpf, als das Wesen, was ihn vom Tier unterscheidet, weil es Dinge schafft, die bleiben?
2021 ist zugleich aber auch das Beuys-Jahr – Joseph Heinrich Beuys, geboren 1921 in Krefeld. Mit Sicherheit einer der umstrittensten und meist diskutierten Künstler Deutschlands.
Man muss aber Beuys weder mögen noch verstehen, um sich der Kunst Achim Schmacks annähern zu können. Vergleiche hinken, wie man so schön sagt. Und die oben genannte Ausstellung ist allenfalls eine Hommage an einen Künstler, der sich in einer Ausstellung im Jahr 1984 in der Stadtsparkasse Wuppertal noch ganz bescheiden mit dem Thema „Landschaften“ präsentierte.
Und um Landschaft geht es auch Achim Schmacks. Hier findet Interaktion statt. Schmacks arbeitet mit Landschaft, entnimmt Landschaft, um neue Landschaften zu schaffen.
Die Meisten assoziieren mit dem Namen Beuys den Aktionskünstler, den Provokateur, den Schöpfer von „Fettecken“. Die wenigsten wissen, dass sich der Künstler in seinem Werk mit den zentralen Themen des Humanismus und Anthroposophie auseinandersetzte.
Im Rahmen mehrere Kunstaktionen in Italien oder auf der Dokumenta 7 pflanzte der Künstler sogar aktiv Tausende von Bäumen. Das Ende dieser Pflanzaktionen erlebte er selbst nicht mehr. Aber Natur, Landschaft und Kunst waren für ihn immer eine Einheit, nichts, das getrennt stattfindet. Und das ist nachvollziehbar, denn wer sich mit dem Humanismus und damit dem Leben und Schaffen des Menschen beschäftigt, der muss auch die Umwelt miteinbeziehen. Und das, lange bevor es modern war, sich „grün“ zu engagieren.
Mensch und Landschaft sind eine Einheit. Dieser Erkenntnis folgt die Intention von Achim Schmacks. Seit Beginn der Pandemie schafft er Landschaft. Und zwar ist hier nicht kultivierte Landschaft gemeint, sondern Landschaft, die der Natur sozusagen zurückgegeben wird, nachdem der Mensch sie kultiviert hat. Über 50 Kunstwerke und Multiples sind in dieser Zeit entstanden, und es sind Kunstwerke zum Mitnehmen geworden. Motive, die man fühlen, riechen, an die Wand hängen oder in die Welt hinaustragen kann. Denn seine Kunst soll interagieren, kommunizieren und nicht zum erstarrten Ausstellungsstück werden.
Schmacks hat sich mit diesem Thema intensiv während der Zeit der Corona-Lockdowns auseinandergesetzt. Und er hat sie mit Materialien verwirklicht, die hier – in seiner zweiten Heimat Nordfriesland – so typisch sind: Schlick, Watt, Relikte des Meeres, Materialien, die auf dem basieren, was die Landschaft hergibt und was sie ausmacht. Und das ist: Erde, heimische Farbpigmente, verwittertes Holz, Wasser. Materialien, die von vielen schlicht übersehen, als alt oder gar als Abfall bezeichnet werden, sind für ihn Relikte, die die Seele der Landschaft und Natur, der sie entstammen, konserviert haben. Und diese Seele der Dinge möchte der Künstler wiederbeleben.
Landschaft wird nicht beschrieben, sondern Landschaft wird, wie der Titel besagt, geschaffen.
Wobei der Titel an sich mehrdeutig ist: „Schafft Landschaft“.
Was genau meint der Künstler damit? Der Künstler schafft Landschaft?
Der Künstler er-schafft Landschaft? Der Künstler schafft also neuen Platz für Landschaft? Er kultiviert Landschaft? Oder er schafft es, dass Landschaft wieder ihren ursprünglichen Platz einnimmt?
Oder schafft er an der Landschaft, im Sinne von „sich abschaffen“, oder macht das Thema Landschaft ihm zu schaffen? Oder „schafft er es wieder“, der Landschaft neuen Raum zu geben bzw. zurückzugeben? Landschaft – und damit die Seele der Dinge und Elemente, mit denen er arbeitet – wiederzuerwecken. Womöglich ganz im Sinne der idealen Landschaft der Romantiker, auch wenn der Betrachter mit Achim Schmacks Werk sicherlich alles andere als den Begriff „Romantik“ assoziiert?
„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“
(Eichendorff, 1838)
Oder ist es gar eine Aufforderung an den Betrachter oder Besucher, selbst Landschaft zu schaffen? Eine Aufforderung, ein Appell gar, genau dieses Zauberwort zu finden, um wieder eins zu werden mit der Natur? Denn der ethische Umgang der Gesellschaft mit seiner Umwelt liegt ihm als Künstler am Herzen.
Vielleicht ist auch aus diesem Grund seine Grundfarbe, mit der er Kunst schafft, und nach der auch seine Düsseldorfer Galerie Blackoffice benannt ist, die Farbe Schwarz. Schwarz ist eigentlich eine Nicht-Farbe, Schwarz absorbiert alle anderen Farben, aber Schwarz stellt auch den größten Kontrast zu anderen Farben her. Schwarz ist die absolute Konzentration auf das Wesentliche, lenkt nicht ab, sondern ist quasi verdichtete Essenz. Malerische und optische Akzente setzt er mit feinen Farbnuancen von Grau zum Schwarz, mit Licht und Schatten, mit Glanzeffekten, matten oder erhabenen Flächen, Tastbarkeit und den individuellen Sehgewohnheiten der Betrachter in Beziehung.
Achim Schmacks hat es einmal in eigenen Worten eindringlich formuliert:
„Ich bin Künstler, ich mache Kunst für euch, ich zeige euch die Welt durch meine Augen und meine Seele und habe eine Botschaft an euch und nachfolgende Generationen.
Ich stehe nicht tagein, tagaus, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr in meinem Atelier, in meiner Ausstellung, weil ich selbstverliebt bin und dies alles für mich ganz alleine mache. Ich arbeite nicht den ganzen Tag im Garten, schaffe Landschaft, wo vorher eine Kuhwiese war, schaffe Naturlandschaft, wo vorher die Schafe ins Gras gepinkelt haben. Ich mache dies alles für euch, für die Umwelt und die vielen Kreaturen darin und dies stelle ich mit meiner Kunst dar. Ich möchte euch mobilisieren und sensibilisieren, ein müdes Lächeln prallt von mir ab.
Wir, die Künstler in der Gesellschaft, immer wieder für verrückt und sonderbar erklärt, sind da für die Gesellschaft, wir sind immer da für euch, wir machen gute Dinge, sinnvolle Dinge, wir rütteln auf und machen wach.“
Diese Aussage verbindet sowohl den Anlass der o. a. Ausstellung, ein Stipendium in Corona-Zeiten, als auch die intimste Intention eines Künstlers, nämlich das zu schaffen, was weder Politiker noch die Generation „Fridays for future“ noch sämtliche Umweltorganisationen schaffen: Die Menschen aufzurütteln! Keine Generation, die wir persönlich noch kennen, war jemals in der Lage wie die unsere. Konfrontiert zu sein mit Klimakrise und einer Pandemie. Mit einer Situation also, die bisher noch niemand bewältigen musste, die aber alle Generationen nach uns beschäftigen wird. Zwangsläufig, wenn wir nichts ändern. Und wo Politik versagt, hat der Künstler noch Mut, uns aufmerksam zu machen. Weil Kunstwerke zum Nachdenken anregen. Nicht aufdringlich.
Nicht mit Ver- und nicht mit Geboten. Sondern weil Kunst uns anleitet, selbst zu denken. Über die eigenen Grenzen hinaus.
Man mag das ein oder andere Kunstwerk dieser Serie von Achim Schmacks schlicht für ironisch halten, Amüsant. Ja, vielleicht auch für genial oder gar abgehoben. Unverständlich gar auf den ersten Blick. Aber in Wirklichkeit sind es Ankerpunkte und Navigationshilfen – passend zur Küstenlandschaft –, um die eigenen Standpunkte auszuloten und zu überdenken.
Lassen wir uns vom Künstler inspirieren, die Bedeutungsvielfalt des Begriffs „Landschaft“ zu erkunden und neu zu erfahren. Landschaft als natürliches Umfeld, Landschaft als Kulturlandschaft, Landschaft als unberührte Fläche, Wasserlandschaften, Moorlandschaften, Landschaft als Kontext oder Umfeld der eigenen Ideologie oder politischen Einstellung, Landschaft schließlich als Sehnsuchtsort, als unverrückbare Heimat, zu der man immer wieder zurückkehren kann, wenn alles verloren scheint, als Ort, den es zu schützen und zu bewahren gilt.
Für uns und für die Generationen, die nach uns kommen.
Dr. Katrin Schäfer