
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
(Johann Wolfgang von Goethe, „Selige Sehnsucht“)
Ein eigener Bildzyklus Anne Bocks widmet sich dem Thema „Rhythmen“.
So wie Bock in ihren anderen Arbeiten urzeitliche Kryptogame wie Moose oder Flechten auswählt, die seit Jahrmillionen existieren und quasi Zeugen der Evolution sind, oder sich in ihren Bienenwabendrucken ebenfalls einem existenziellen Phänomen der Natur widmet, wählt die Künstlerin mit dem Thema „Rhythmen“ gewissermassen weitere allgemein vertraute Motive aus, die sie neu interpretiert.
Gegliedert sind die Bilder in die Themen „Rhythmus“, „Landschaft“, „Winterreise“ und „Kliff“.
Gemeinsam ist ihnen ein dynamischer Farbauftrag mit den Materialien Öl, Ölpastell und Acryl auf Leinwand in unterschiedlichen Kombinationen. Gerade die Mischtechniken erlauben malerische Experimente und zeugen auch vom besonderen Gespür der Künstlerin, die Maltechnik selbst zu einem Teil des Bildes werden zu lassen.
Man spürt hier die Freude an der Malerei und eine gewisse Beschwingtheit durch die Gefühle, die Sommer, Sonne, Wärme und Licht oder die Klarheit mancher sonniger Wintertage erzeugen, und die darauf drängen, auf die Leinwand gebracht zu werden.
Flüchtige Augenblicke werden eingefangen, nicht um sie festzuhalten, sondern um sie am Leben zu erhalten.
Der Betrachter wird eingeladen, sich zwanglos den Rhythmen der Bilder hinzugeben, sie in sich aufzunehmen und sie durch eigene, ganz persönliche Assoziationen weiterzuführen.
Wenn man in die Betrachtung eintaucht, versteht man die Wahl des gemeinsamen Oberthemas „Rhythmen“. Der Begriff „Rhythmen“ bezieht sich bekanntlich nicht nur auf die Musik, sondern er steht generell für regelmäßige, sich wiederholende Abfolgen von Mustern, Ereignissen, zeitlichen oder räumlichen Abläufen. Der Rhythmus schafft Ordnung und Strukturen und ist visuell und akustisch erlebbar. Letztlich ist es der Rhythmus der Natur, der alles bestimmt: Jahreszeiten, Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Leben und Sterben.
Hinter Flächen und Lasuren schimmern lineare Strukturen durch. Manche wirken wie die Zacken und Wellen eines Kardiogramms – der Herzschlag des Lebens. Mal sieht man abstrahierte Formen, Striche und Flächen, die erscheinen, als wären sie nach einem vorgegebenen Tempo gemalt worden; mal fühlt man sich wie bei einem Blick auf den blauen Sommerhimmel mit seinen weißen Cumuluswolken, wenn sich immer neue Formen, Dinge oder Elemente bilden und dann wieder verschwinden.
Auf manchen Bildern meint man sogar einen Sog zu verspüren oder einen Wirbelwind zu fühlen, der zwar zunächst Chaos schafft, aber auch alles neu organisiert.
Lässt man sich auf die Werke Bocks ein, fühlt man sich angezogen, gerade so, als wolle einen das Bild tief in sich hineinziehen, um das gemeinsame Thema erlebbar zu machen:
Das Werden und Vergehen in unendlichen Rhythmen, die das Leben, die Natur, unseren Planeten und letztlich das Universum formen, von dem wir nur ein winziger Teil sind.