Torsten Richter / Achim Schmacks
 VERORTUNG

Vorwort zum Katalog zur Jahresausstellung 
Torsten Richter / Achim Schmacks
 VERORTUNG 2022

©https://www.kunsthallewitzwort.de/

Vor einem Jahr, also 2021, hatte Achim Schmacks, passend zu seinem damals aktuellen Kunstprojekt einen Bildband herausgegeben, unter dem Titel „Schafft Landschaft“. Er definierte damit für sich, dem Betrachter und Leser seiner Werke sozusagen Ankerpunkte und Navigationshilfen – passend zur Küstenlandschaft -, um die eigenen Standpunkte auszuloten und zu überdenken.

Nun im Jahr 2022, dem dritten Jahr der Pandemie, und dem Jahr, in dem mit dem Ukraine-Konflikt ein Krieg in Europa herrscht, dessen Auswirkungen wir alle zu spüren bekommen, hat sich Schmacks wieder auf den künstlerischen Weg gemacht. Ausgehend von „Schafft Landschaft“ bricht er mit dem Kunstprojekt und dem Kunstband „Im Nebel“ sozusagen zu neuen Ufern auf. Auch hierin sucht er wieder nach Antworten, nach Anregungen, nach Möglichkeiten, das Unsagbare zumindest ansatzweise sichtbar zu machen, um die Nebel zu lichten, die sich durch die tägliche Überflutung durch Hiobsbotschaften über Krisen wie ein Schleier über die Köpfe der Menschen gelegt haben. Die einen reagieren mit Abstumpfung, die anderen mit Ignorieren, wieder andere verzweifeln, als Künstler aber will er sich dem stellen, auch wenn er sich dabei selbst ständig überwinden und neu erfinden muss. 
Für diesen Kunstband hat Achim Schmacks nicht nur seine neuesten Kunstwerke beigetragen, sondern auch reflektierende Texte. Der Ausgangspunkt ist folgender, wie er selbst schreibt: „Die Werkreihe “Im Nebel“ zeigt eine kurze Zeitspanne, eine Zeit, die uns umtrieb und die Zukunft veränderte. Einsparung der Ressourcen und der respektvolle Umgang mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, mussten überdacht werden. In einer modernen Zeit, in der Globalisierung und Wirtschaftskraft nicht wegzudenken sind, müssen wir umdenken, neudenken und Kopien anlegen.“
Bemerkenswert ist, dass sich das Projekt im Prinzip aus drei Strängen zusammensetzt, die alle auf „Schafft Landschaft“ aufbauen, und sich zu einem Projekt vereinigen: „Im Nebel“, „Der rote Faden“ und „Metamorphose“.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass er passend zu den Themen auch eine Kunstform gefunden hat, die sozusagen das „Nebulöse“ mit dem „Konkreten und Greifbaren“ verbindet. Die sog. Frottage, eine grafische Technik, die die Oberflächenstruktur eines Materials mittels anderer künstlerischer Werkzeuge wie Bleistift, Wachsmalstift oder Aquarell auf den Untergrund überträgt. Obwohl schon seit Jahrhunderten in Gebrauch etablierte sich diese Technik zu einer eigenständigen Kunstform erst durch den Künstler Max Ernst in den 1920er Jahren. Die „Abriebtechnik“ erfuhr bis heute zahlreiche Abwandlungen, wie sie auch Achim Schmacks für sich quasi neu erfand.
Er arbeitet hier wieder mit dem Schlick der Nordsee und überträgt diese Meeresboden-Kopien mit Bleistift auf Aquarellpapier. Auch dem Künstler erschloss sich der Zusammenhang zwischen seinen Themen und der Technik erst im Laufe der Schaffensphase. Indem er beim Bleistiftauftrag verschiedene Stufen des Drucks ausübte, ergeben sich verschiedene Abstufungen des Ausdrucks – mal konkret und mit klarer Linienführung, mal verschwommen, nebulös, was den Bildern quasi einen schwebenden Charakter verleiht. Ein Verharren zwischen Sicherheit und Unsicherheit, aber auch Hoffnung, dass sich das Chaos ordnet und lichtet.

„Es sollte nicht neu sein, ich suchte nach einer Form, um den Ist-Zustand abzubilden, aus klaren Kanten und Linien, starken Strukturen und kraftvoller Haptik suchte ich nach einem Abdruck, einer sinnvollen Überlieferung dieser Zeit.“
Wie diese Technik perfekt mit den drei Themenbereichen korrespondiert, machen die folgenden Ausführungen deutlich.
Die ersten Bilder der Reihe „Im Nebel“ entstanden in den frühen Monaten des Jahres 2022, der typisch grauen Zeit in Nordfriesland, wenn der Nebel schwer über der Landschaft hängt, scheinbar in jede Ritze eindringt, nicht nur die Landschaft, sondern auch den Geist vernebelt und Schwermut und Antriebslosigkeit die Menschen lähmt. Achim Schmacks beschreibt das für sich so: „Leidgeklagt mit Blessuren aus der Pandemie, handlungsunfähig im Beruf, wieder und wieder auf den Nullpunkt befördert, war das Projekt eine neue Perspektive.“
Sich im Nebel umherzutasten, verweist den Menschen auch auf seine eigene Einsamkeit. Alles ist gedämpft, sogar Geräusche erscheinen leiser, man sieht nur ein paar Meter weit, ist orientierungslos.
Hermann Hesse hat das 1905 in seinem bekannten Gedicht „Im Nebel“ sehr treffend beschrieben, indem er auch die Begriffe „Leben“ und „Nebel“ als Palindrom in Zusammenhang bringt und damit das Stochern im Nebel nicht nur negativ besetzt, sondern auch als Aufbruch versteht:

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein,

Kein Baum sieht den andern,

Jeder ist allein.



Voll von Freunden war mir die Welt,

Als noch mein Leben licht war;

Nun, da der Nebel fällt,

Ist keiner mehr sichtbar.



Wahrlich, keiner ist weise,

Der nicht das Dunkel kennt,

Das unentrinnbar und leise

Von allen ihn trennt.



Seltsam, Im Nebel zu wandern!

Leben ist Einsamsein.

Kein Mensch kennt den andern,

Jeder ist allein.

(Quelle: Hermann Hesse, Sämtliche Gedichte in einem Band* 
Herausgeber: Volker Michels, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995) 

Das Ich erlebt eine akute existentielle Erfahrung. Wie der Dichter geht auch der Künstler Schmacks den Weg der Erkenntnis, dass es keine Gewissheit des eigenen Ichs gibt, wenn man nicht schmerzliche Gefühle der Einsamkeit, der Situation des auf sich selbst Zurückgeworfenseins erfährt. Man muss sich wiederfinden, herausfinden aus dem Nebel, um aus kritischen Lebensphasen neue Energie zu schöpfen. Und genau diesen Weg ist der Künstler mit seinem neuen Projekt gegangen.

Dabei hat Achim Schmacks sozusagen zu einem weiteren Hilfsmittel gegriffen und gleichzeitig einen neuen Aspekt in seine Kunst eingeführt. Den „roten Faden“. Bisher war Schwarz die beherrschende Grundfarbe seiner Arbeiten. Schwarz als eine Nicht-Farbe, die alle anderen Farben absorbiert, aber auch den größten Kontrast zu anderen Farben herstellt. Schwarz ist die absolute Konzentration auf das Wesentliche, lenkt nicht ab, sondern ist quasi verdichtete Essenz.

Nun greift er zum Roten Faden, und zwar im ganz wörtlichen Sinn. Er verwendet besonders reißfesten roten Buchbinderzwirn, der seine Werke symbolisch miteinander verbindet, ihm als Künstler aber auch als Leitfaden dient, eine Hilfe aus der Wirrnis des Nebels und der zeitgeschichtlichen Ereignisse. So wie einst Theseus mit einem Faden aus dem legendären Labyrinth fand, folgt auch Schmacks dem Roten Faden und findet mit ihm neuen Halt in einer chaotischen Welt. Und indem er den Roten Faden quasi durch seine Werke webt, lässt er auch den Betrachter an diesem Findungsprozess teilhaben.

Dieser Rote Faden und damit auch die Farbe Rot führt nun direkt zum dritten Aspekt des Kunstprojekts, das der Künstler mit „Metamorphose“ umschreibt.
Unbewusst und scheinbar eher zufällig war da der Griff nach dem roten Farbstift – ein Bruch mit der bisherigen Tradition? Nein, Teil der Metamorphose, als Reaktion auf die dramatischen Veränderungen der Coronazeit und aktuell des Krieges in der Ukraine, zwei beherrschende Themen, die aber nur kurzfristig verdrängen können, dass auch die Klimakrise, die Inflation und Rezession unser gewohntes Leben, in dem wir es uns so viele Jahre gemütlich eingerichtet haben, verändern werden.
Jeder muss diese Metamorphose durchleben – das will uns der Künstler mit der Verwendung des Signalrots geradezu entgegenschreien.

Ergänzend zu den Aussagen des Künstlers in seinem Text möchte ich den Begriff „Metamorphose“ auch aus anderen Disziplinen ableiten. Denn wir begegnen dem Motiv der Verwandlung ja nicht nur in der Botanik, sondern auch der Zoologie – wer kennt nicht die Metamorphose, die Insekten durchleben -, der Geologie (Verwandlung vom Gestein im Einfluss der Zeit und der Naturkräfte, vom Fels zum Sandkorn), der Mythologie (Verwandlung eines Wesens in eine andere Daseinsform) und letztlich der Dichtung.

Hat nicht bereits Ovid mit seinen Eingangsversen seiner „Metamorphose“ die Verwandlung wesen- und materialübergreifend charakterisiert:


„Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue

Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt,

Fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse
Hermann Hesse hat das 1905 in seinem bekannten Gedicht „Im Nebel“ sehr treffend beschrieben, indem er auch die Begriffe „Leben“ und „Nebel“ als Palindrom in Zusammenhang bringt und damit das Stochern im Nebel nicht nur negativ besetzt, sondern auch als Aufbruch versteht:

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein,

Kein Baum sieht den andern,

Jeder ist allein.



Voll von Freunden war mir die Welt,

Als noch mein Leben licht war;

Nun, da der Nebel fällt,

Ist keiner mehr sichtbar.



Wahrlich, keiner ist weise,

Der nicht das Dunkel kennt,

Das unentrinnbar und leise

Von allen ihn trennt.



Seltsam, Im Nebel zu wandern!

Leben ist Einsamsein.

Kein Mensch kennt den andern,

Jeder ist allein.

(Quelle: Hermann Hesse, Sämtliche Gedichte in einem Band* 
Herausgeber: Volker Michels, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995) 

Das Ich erlebt eine akute existentielle Erfahrung. Wie der Dichter geht auch der Künstler Schmacks den Weg der Erkenntnis, dass es keine Gewissheit des eigenen Ichs gibt, wenn man nicht schmerzliche Gefühle der Einsamkeit, der Situation des auf sich selbst Zurückgeworfenseins erfährt. Man muss sich wiederfinden, herausfinden aus dem Nebel, um aus kritischen Lebensphasen neue Energie zu schöpfen. Und genau diesen Weg ist der Künstler mit seinem neuen Projekt gegangen.

Dabei hat Achim Schmacks sozusagen zu einem weiteren Hilfsmittel gegriffen und gleichzeitig einen neuen Aspekt in seine Kunst eingeführt. Den „roten Faden“. Bisher war Schwarz die beherrschende Grundfarbe seiner Arbeiten. Schwarz als eine Nicht-Farbe, die alle anderen Farben absorbiert, aber auch den größten Kontrast zu anderen Farben herstellt. Schwarz ist die absolute Konzentration auf das Wesentliche, lenkt nicht ab, sondern ist quasi verdichtete Essenz.

Nun greift er zum Roten Faden, und zwar im ganz wörtlichen Sinn. Er verwendet besonders reißfesten roten Buchbinderzwirn, der seine Werke symbolisch miteinander verbindet, ihm als Künstler aber auch als Leitfaden dient, eine Hilfe aus der Wirrnis des Nebels und der zeitgeschichtlichen Ereignisse. So wie einst Theseus mit einem Faden aus dem legendären Labyrinth fand, folgt auch Schmacks dem Roten Faden und findet mit ihm neuen Halt in einer chaotischen Welt. Und indem er den Roten Faden quasi durch seine Werke webt, lässt er auch den Betrachter an diesem Findungsprozess teilhaben.

Dieser Rote Faden und damit auch die Farbe Rot führt nun direkt zum dritten Aspekt des Kunstprojekts, das der Künstler mit „Metamorphose“ umschreibt.
Unbewusst und scheinbar eher zufällig war da der Griff nach dem roten Farbstift – ein Bruch mit der bisherigen Tradition? Nein, Teil der Metamorphose, als Reaktion auf die dramatischen Veränderungen der Coronazeit und aktuell des Krieges in der Ukraine, zwei beherrschende Themen, die aber nur kurzfristig verdrängen können, dass auch die Klimakrise, die Inflation und Rezession unser gewohntes Leben, in dem wir es uns so viele Jahre gemütlich eingerichtet haben, verändern werden.
Jeder muss diese Metamorphose durchleben – das will uns der Künstler mit der Verwendung des Signalrots geradezu entgegenschreien.

Ergänzend zu den Aussagen des Künstlers in seinem Text möchte ich den Begriff „Metamorphose“ auch aus anderen Disziplinen ableiten. Denn wir begegnen dem Motiv der Verwandlung ja nicht nur in der Botanik, sondern auch der Zoologie – wer kennt nicht die Metamorphose, die Insekten durchleben -, der Geologie (Verwandlung vom Gestein im Einfluss der Zeit und der Naturkräfte, vom Fels zum Sandkorn), der Mythologie (Verwandlung eines Wesens in eine andere Daseinsform) und letztlich der Dichtung.

Hat nicht bereits Ovid mit seinen Eingangsversen seiner „Metamorphose“ die Verwandlung wesen- und materialübergreifend charakterisiert:


„Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue

Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt,

Fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse

Von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!“

In nur vier Versen hat der antike Dichter zusammengefasst, was uns auch der Künstler Schmacks sagen möchte: Die Verwandlung ist nie abgeschlossen, das Leben ist ein stetiger Übergang, und wie ein Fluss ist es immer zugleich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Quelle, Verlauf und Mündung zur gleichen Zeit. 
Auch Schmacks zukünftige Kunstprojekte werden sozusagen im Fluss bleiben, die Welt steht nicht still. Wir werden weitere Kriege erleben, es wird nicht die einzige Pandemie bleiben, der Klimawandel zwingt uns alle zu Veränderungen. Denn Veränderung kann man auch aktiv erwirken. Man muss sie nicht „erleiden“, man kann sie aktiv herbeiführen. „Panta rhei“ (altgriechisch πάντα ῥεῖ – ‚alles fließt‘) heißt die oft und gern zitierte Weisheit Heraklits.
Was der der Künstler uns aber sagen will – und das hat er mit seiner eigenen Entwicklung vom Herumstochern im Nebel bis zur Metamorphose künstlerisch verdeutlicht – ist, dieses Zitat abzuwandeln, und zwar in: Lasst uns alles am Fließen halten! Nicht blind im Nebel stochern, nicht verharren, nicht still stehen, nicht resignieren, nicht ein stures „Weiter so“ praktizieren, sondern Veränderungen zulassen, vielleicht sogar leidvoll ertragen – vor allem aber, zu versuchen, sie selbst zu bewirken!

Dr. Katrin Schäfer

Von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!“

In nur vier Versen hat der antike Dichter zusammengefasst, was uns auch der Künstler Schmacks sagen möchte: Die Verwandlung ist nie abgeschlossen, das Leben ist ein stetiger Übergang, und wie ein Fluss ist es immer zugleich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Quelle, Verlauf und Mündung zur gleichen Zeit. 
Auch Schmacks zukünftige Kunstprojekte werden sozusagen im Fluss bleiben, die Welt steht nicht still. Wir werden weitere Kriege erleben, es wird nicht die einzige Pandemie bleiben, der Klimawandel zwingt uns alle zu Veränderungen. Denn Veränderung kann man auch aktiv erwirken. Man muss sie nicht „erleiden“, man kann sie aktiv herbeiführen. „Panta rhei“ (altgriechisch πάντα ῥεῖ – ‚alles fließt‘) heißt die oft und gern zitierte Weisheit Heraklits.
Was der der Künstler uns aber sagen will – und das hat er mit seiner eigenen Entwicklung vom Herumstochern im Nebel bis zur Metamorphose künstlerisch verdeutlicht – ist, dieses Zitat abzuwandeln, und zwar in: Lasst uns alles am Fließen halten! Nicht blind im Nebel stochern, nicht verharren, nicht still stehen, nicht resignieren, nicht ein stures „Weiter so“ praktizieren, sondern Veränderungen zulassen, vielleicht sogar leidvoll ertragen – vor allem aber, zu versuchen, sie selbst zu bewirken!

Dr. Katrin Schäfer